Anmerkung: Thomas Forrer ist im Gfenn aufgewachsen.
Mein Votum im Kantonsrat zum beabsichtigten Abbau der Geschichtslektionen an den Zürcher Gymnasien
Am 2. September dieses Jahres gedenken wir des Endes des 2. Weltkriegs und heute, am 27. Januar, gedenken der Auschwitz-Befreiung und der Opfer des Holocausts. 80 Jahre sind seitdem vergangen und diese 80 Jahre sind eine magische Zahl. Weil nach 80 Jahren das sogenannt kommunikative Gedächtnis aufhört – d.h. es lebt kaum mehr jemand, die oder der die Zeit des 2. Weltkriegs und die Zeit der Nazi-Gräuel erlebt hat: Es lebt kaum mehr jemand, der oder die uns persönlich davon berichten kann.
An dieser zeitlichen Schwelle, wo die mündlich überlieferte Geschichte durch Zeitzeugen abbricht, leben wir heute, wenn es um den 2. Weltkrieg und den Holocaust geht. Und an dieser Schwelle bekommt Geschichtsschreibung und der Geschichtsunterricht eine besonders wichtige Bedeutung. Darum es ist ironisch, dass gerade jetzt, wo die allerletzten Zeitzeugen des Holocaust sterben, an unseren Gymnasien Geschichtslektionen gestrichen werden sollen. Und dies in einer Zeit, wo Menschen sich tatsächlich fragen, ob der ausgestreckte Arm eines Tech-Milliardärs eine Nazi-Geste imitiere oder nicht. Und dies in einer Zeit, wo die Kanzlerkandidatin einer deutschen Rechtsaussenpartei behauptet, Adolf Hitler sei Sozialist oder gar ein Kommunist gewesen.
Meine Damen und Herren, dass solche Diskussionen heute überhaupt eine Öffentlichkeit erhalten, hat nicht nur mit den sogenannt sozialen Medien zu tun, sondern vor allem auch damit, dass die meisten Zeugen des Holocausts nicht mehr leben, die man mit solchen Verdrehungen einfach nur grob beleidigen würde.
Damit die von Hitler und den Nazis verfolgten und ermordeten Menschen nicht noch einmal Opfer werden, nämlich Opfer von üblen Geschichtsverfälschungen, dafür brauchen wir die Geschichtswissenschaft und an unseren Gymnasien den Geschichtsunterricht und eine politisch-demokratische Bildung.
Es ist gegenwärtig die definitiv falsche Zeit, Geschichtslektionen abzubauen. Wir Grüne wollen, dass unsere Jugendlichen mit Sensibilität und Resistenz gegen undemokratische Tendenzen und Bewegungen aufwachsen – und derer gibt es heute einige. Wer im Rahmen des Geschichtsunterrichts des 20. Jahrhunderts sowohl vom Faschismus als auch vom Stalinismus erfahren hat, wird wissen, wie wichtig es ist, mit unserem demokratischen System sorgfältig umzugehen und es zu schützen.
Angesichts der Tatsache, dass andere Demokratien in Europa unter Druck stehen, sind Geschichtsunterricht und politische Bildung nötiger denn je.
Thomas Forrer, Kantonsrat Grüne
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