Letzten Montag vor 80 Jahren hat ein Ukrainisches Bataillon das KZ Auschwitz befreit – übrigens unter einem jüdischen Kommandanten.

Zum Genozid an sich möchte ich nichts sagen. Dazu bin ich weder qualifiziert noch persönlich berechtigt und ich möchte nicht respektlos sein.

Ich möchte aber in diesem Zusammenhang ein wenig beachtetes Nebenthema ansprechen, das mir persönlich sehr wichtig ist:

In ganz Europa hat es nur ein einziges von den Nazis besetztes Land gegeben, in dem die jüdische Bevölkerung während des Krieges gewachsen ist: Albanien.

Hunderte Jüd:innen sind während des Krieges in das mehrheitlich muslimische Land geflüchtet, wo einheimische Familien sie vor den Nazis versteckten. Lokale Behörden haben sogar gefälschte Papiere für diese Menschen ausgestellt. Das hat es bei uns in der Schweiz natürlich auch gegeben, Paul Grüninger ist ein bekanntes Beispiel. Aber unser Land ist eben nicht feindlich besetzt gewesen.

Was hat das mit uns hier und heute zu tun?

Hier und heute wirkt diese Geschichte über Muslime, die Juden vor einem gemeinsamen Feind schützen fast surreal. Vor allem der Nahostkonflikt wird bei uns von verschiedenen Seiten genutzt, um Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus in unserem Land so sehr zu schüren, wie schon lange nicht mehr. Das hat schon für drei Menschen – einen Juden in Zürich-Selnau und zwei Muslime in Bad Ragaz – fast tödliche Konsequenzen gehabt. Das hätte genauso gut in Dübendorf passieren können.

„The history book on the shelf is always repeating itself“ ist kein Naturgesetz, sondern eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wir haben die Wahl, ob und wessen Geschichte sich bei uns wiederholen soll. In Bezug auf das Verhältnis zwischen Muslimen und Juden und auf das Mitgefühl mit Schutzsuchenden wünsche ich mir ganz persönlich, dass es bei uns ein bisschen mehr so läuft wie damals in Albanien.

Das tue ich nicht aus reiner Nächstenliebe gegenüber diesen Menschen, sondern auch aus Sorge darum, wie man irgendwann mit mir und meinen Lieben umgehen könnte, wenn sich das gesellschaftliche Klima zu unseren Ungunsten verändern würde. Ich hoffe, der Eine oder die Andere von Ihnen kann sich mir da anschliessen.

David Siems, Gemeinderat Grüne