Sehr geehrte Frau Ratspräsidentin

Gestützt auf die Artikel 46 und 47 der Geschäftsordnung des Gemeinderats reichen wir folgende Motion ein:

Der Stadtrat wird eingeladen, eine interdisziplinäre, breit abgestützte Arbeitsgruppe, evtl. im Rahmen der Bildungslandschaft, einzusetzen mit dem Auftrag, Massnahmen zur Verbesserung der Deutschkenntnisse von Kindern im Alter von 3-7 Jahren zu erarbeiten, die Kostenfolgen dieser Massnahmen aufzuzeigen und dem Gemeinderat Antrag zu stellen.

Der Antrag soll eine Variante der fixen Einführung und eine Variante als Pilotprojekt mit anschliessender Evaluierung beinhalten.

Überlegungen zu möglichen Problemlösungsansätzen sind im Anhang dieses Postulats zusammengefasst.

Begründung:

In Dübendorf haben im Schuljahr 2020/21 rund 38% der in den Kindergarten eintretenden Kinder kaum Deutsch verstanden. Die fehlenden Deutschkenntnisse stellen für die betroffenen Kinder bereits zu Beginn ihrer Schulkarriere einen Bildungsnachteil dar, der bis in die Sekundarstufe sowie die spätere Integration in den Arbeitsmarkt Auswirkungen zeigt. Der hohe Anteil fremdsprachiger Kinder ist zudem für die Primarschule Dübendorf eine grosse Herausforderung betreffend Integration, Ressourcen und Logistik. Um die Qualität des Unterrichts für Deutsch- wie nicht Deutschsprachige Kinder längerfristig zu sichern, der hohen Belastung der Lehrpersonen entgegenzuwirken und die Suche nach geeigneten Lehrpersonen zu erleichtern, sollten hier neue Ansätze geprüft werden.

Bisher setzt die Stadt im Bereich sprachlicher Frühförderung vor allem auf Information (Elterninformation über Angebote durch Bildungslandschaft, Kontakt- und Anlaufstelle für Familien, Chrabbelgruppen, Brückenbauende; jährliche Weiterbildung für Betreuungs- und Lehrpersonal; jährlicher Vernetzungsanlass für Akteure aus Bereich Kindergarten / frühe Kindheit). Die Zahlen zeigen jedoch, dass damit der Anteil der Kinder, welche kaum Deutsch verstehen, nicht im gewünschten Mass verringert werden konnte. Entsprechend sind weitere
Massnahmen und neue Ansätze gefragt.

Je früher die Sprachkompetenzen gefördert werden, desto eher sind eine hohe Qualität des Unterrichts und die Chancengleichheit der Kinder auch längerfristig gewährleistet und die Chancen dieser Kinder werden erhöht, als Jugendliche erfolgreich ins Berufsleben einzusteigen. Entsprechend fallen auch die sozialen und ökonomischen Folgekosten für die Gesellschaft tiefer aus, je früher die Massnahmen greifen. Die Stadt Dübendorf hat sowohl ein soziales als auch ein ökonomisches Interesse daran, die betroffenen Kinder so früh als möglich, vor und während des Kindergartens sowie in den ersten Schuljahren entsprechend abzuholen. Dies trägt nicht nur zu einer leistungsmässig homogeneren Klassengemeinschaft bei, sondern reduziert auch für die Gesellschaft später entstehende Folgekosten. Somit ist der Steuerfranken in der Frühförderung äusserst effektiv und effizient eingesetzt.

Angelika Murer Mikolasek, Gemeinderätin GEU/GLP, Oliver Kellner, Gemeinderat Grüne und Weitere

Sie können die Motion hier herunterladen.

Anhang Zur Motion „Verbesserung der Deutschkenntnisse in Kindergarten und Schule

Lösungsansätze

Interdisziplinärer Ansatz – Bildungslandschaft

Das Problem der fehlenden Deutschkenntnisse der Kindergarten- und Schulkinder ist vielschichtig. Entsprechend ist ein interdisziplinärer Ansatz gefragt. Wir sind der Ansicht, dass eine Gesamtstrategie nötig ist, welche die Bereiche Frühförderung, Integration, Soziales und Schule abdeckt.

Ein solcher interdisziplinärer Ansatz ist in der Bildungslandschaft möglich, weshalb wir vorschlagen, die Arbeitsgruppe dort anzusiedeln.

Der interdisziplinäre Ansatz erfordert entsprechend auch eine breit abgestützte Zusammensetzung der Arbeitsgruppe. Da es sich um ein wichtiges Thema der Integration handelt, erscheint es sinnvoll, die Integrationsbeauftragte mit der Leitung dieser Arbeitsgruppe zu betrauen. Weiter sollen auch die Bereiche Schule und Soziales vertreten sein sowie entsprechende Fachpersonen aus dem Kleinkind-, dem Integrations- und dem Bildungsbereich. Die Integration der Kinder zusammen mit den Erwachsenen ist wichtig.

Auftrag

Ziel der Arbeitsgruppe soll es sein, die bereits bestehenden Massnahmen einer Evaluation zu unterziehen und Optimierungsmöglichkeiten zu identifizieren. In diesem Zusammenhang soll nach einer Auslegeordnung möglicher, unter anderem in anderen Gemeinden erfolgreich angewandter Massnahmen entschieden werden, welche Massnahmen für Dübendorf als geeignet erachtet werden, und diese entsprechend den konkreten Gegebenheiten in Dübendorf umzusetzen. Ziel der Arbeitsgruppe soll es nicht sein, selbst neue Konzepte zu erarbeiten, denn zu diesem Thema gibt es bereits zahlreiche evaluierte Erfahrungen und Berichte.

Lösungsansätze im Bereich Integration

Die Frühförderung ist nachweislich sehr effektiv, um das Problem an der Wurzel zu packen und den Kindern die Sprache von Anfang an zu vermitteln. Dafür muss das Bewusstsein für die Problematik möglichst frühzeitig bei den Eltern geweckt werden. Entsprechend ist es wichtig, dass sämtliche Kanäle aus dem Bereich Integration genutzt werden, sowie Möglichkeiten geprüft werden, Massnahmen verbindlich zu erklären, um die betroffenen Familien auf die Wichtigkeit der Deutschkenntnisse für die Schulkarriere ihrer Kinder hinzuweisen.

Hier ist vor allem auch auf eine einheitliche Haltung und klare Kommunikation hinzuwirken. Die Muttersprache ist das Fundament, auf dem der weitere Spracherwerb von Deutschkenntnissen aufbaut, und daher soll sie bewusst gewürdigt und gepflegt werden. Ebenso ist aber ein möglichst früher Kontakt mit der Ortssprache unverzichtbar. Zur Streitfrage, ob die Muttersprache oder Deutsch gefördert werden soll, ist eine einheitliche und differenzierte Haltung und Kommunikation erforderlich: Beide Sprachen sind wichtig, insbesondere auch die Heranführung an die deutsche Sprache, die bei uns der Schlüssel für die Integration ist.

In verschiedenen Gemeinden werden die Eltern bereits ca. 1.5 Jahre vor Kindergarteneintritt direkt kontaktiert und auf das Thema sensibilisiert. So setzen Gemeinden wie Wallisellen oder Bülach auf Informationsanlässe, welche verbindlich ausgestaltet sind: Die Eltern müssen sich an- oder abmelden und diejenigen, die sich abmelden oder nicht erscheinen, werden telefonisch kontaktiert oder von Kulturvermittelnden besucht. Dieser Ansatz ist niederschwellig, mit verhältnismässig geringen Kosten verbunden und hat dennoch Potenzial, einen grösseren Teil der Familien zu erreichen. Er sollte deshalb ebenfalls für Dübendorf geprüft werden.

Lösungsansätze im Bereich Kleinkind

Wichtigste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Frühförderung in der deutschen Sprache sind einerseits, dass die betroffenen Familien erreicht werden, andererseits muss die Anzahl Stunden, in denen das Kind die deutsche Sprache hört, genügend hoch sein, um einen nachhaltigen Effekt zu erzielen.

Kontaktaufnahme mit den betroffenen Familien:

Um die Familien zu erreichen, sind in anderen Städten Sprachstandserhebungen anhand von Tests oder Fragebogen rund 1.5 Jahre vor Kindergarteneintritt erfolgreich eingesetzt worden, so in Zürich („Gut vorbereitet in den Kindergarten“) oder Basel. Daher scheint es sinnvoll, diese Massnahme auch für Dübendorf zu prüfen.

Zu prüfen ist auch, ob analog des ärztlichen Formulars beim Kindergarteneintritt bereits im Rahmen der ordentlichen Dreijahreskontrolle des Kindes eine ärztliche Bestätigung über die Sprachkompetenz des Kindes verbindlich eingefordert werden könnte, um die fremdsprachigen Kinder zu erfassen und gleichzeitig die Eltern auf die Problematik aufmerksam zu machen.

Massnahmen zur Förderung der Sprachkompetenz:

Auf der Massnahmenseite sollten in erster Linie alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, damit das Kind in seinem Alltag und seinem familiären Umfeld mit der deutschen Sprache in Kontakt kommt. Gerade wenn ein Elternteil deutschsprechend ist, sollte diese Sprache auch zu Hause gesprochen und Kontakte im deutschsprachigen Umfeld gepflegt werden. Die Eltern können hierzu in einem persönlichen Gespräch und durch eine regelmässige Begleitung, sei dies durch Kulturvermittelnde/Brückenbauende, oder durch Fachpersonen aus dem Bereich Familienbegleitung/Familienhilfe oder dem Bereich Schule, ermutigt und bei der Umsetzung unterstützt werden. Dabei muss die Verantwortung der Eltern angesprochen und ihre Mitwirkung möglichst verbindlich eingefordert werden.

Kontakte zur deutschsprachigen Bevölkerung können zudem in niederschwelligen Treffpunkten entstehen. So können im Familienzentrum und in der Stadtbibliothek die Eltern mit Kleinkindern animiert werden, selbst Geschichten und Bilderbücher (vgl. Projekt Buchstart) in ihrer Muttersprache zu erzählen sowie an den Erzählnachmittagen teilzunehmen und so auch mit der deutschen Sprache und deutschsprachigen Kindern in Kontakt zu kommen. Ferner sind attraktive, öffentlich zugängliche und nahe gelegene Spielplätze geeignet, die Durchmischung von Kindern und Eltern mit verschiedenen soziokulturellen Hintergründen zu ermöglichen.

Sind Kontakte im deutschsprachigen Umfeld innerhalb der Familie bzw. dem näheren Umfeld nicht in genügendem Umfang möglich, sind Kindertagesstätten und/oder Spielgruppen mit integrierter Deutschförderung geeignet, die Deutschkenntnisse massgeblich zu verbessern. Diese – teilweise bereits bestehenden – Angebote sollten überprüft werden und in genügendem Umfang und Qualität zur Verfügung stehen, was auch qualifiziertes Personal beinhaltet. Ein möglicher Ansatz wäre zudem, das Elki-DAZ (Eltern-Kind-Deutschunterricht im Kindergarten) auch für Vorschulkinder und ihre Eltern auszubauen.

Für diejenigen Kinder, welche vor dem Kindergarteneintritt kaum oder kein Deutsch verstehen, könnte ein Vorbereitungskurs für den Kindergarten angeboten werden. Ein solches Konzept kennt beispielsweise Luzern/Nebikon: Um Kindern und Lehrpersonen den Start des Kindergartenjahres zu erleichtern, wird zusätzlich zu den Spielgruppen jeweils von März bis Juni ein zehnwöchiger Sprachkurs für fremdsprachige Kinder durchgeführt. Auch dieser Ansatz sollte für Dübendorf geprüft werden, denn die Hürden, daran teilzunehmen sind aufgrund des kurzen zeitlichen Aufwands und der verhältnismässig geringen Kosten tief. Das Angebot sollte, auch wenn es noch vor dem offiziellen Kindergartenbeginn stattfindet, als klare Vorbereitungsmassnahme für den Kindergarteneintritt deklariert werden und somit einen möglichst verbindlichen Charakter aufweisen.

Zu prüfen ist zudem, wie finanzielle Hürden abgebaut werden können, so dass entsprechende Angebote auch tatsächlich genutzt werden können. Mit dem Sozialamt sollte geprüft werden, welche Hürden für Kinder von Sozialhilfeempfängern allenfalls bestehen und wie diese möglichst beseitigt werden können

Lösungsansätze im Bereich Kindergarten und Schule

Auf der Stufe Kindergarteneintritt wäre zu prüfen, ob es Möglichkeiten gibt, die Kindergartenbereitschaft bei den Kindern vertiefter zu prüfen und unter welchen Bedingungen Kinder allenfalls für ein Jahr zurückgestellt werden können. Zumindest könnte die Praxis bei der Bewilligung von Rückstellungsgesuchen von Eltern grosszügig gestaltet und solche Möglichkeiten offener kommuniziert werden. So findet sich auf der Website der Gemeinde Regensdorf ein Formular für ein Rückstellungsgesuch, in welchem Angaben zum Entwicklungsstand des Kindes gemacht werden können, darunter auch die Sprachkenntnisse. Würde ein Kind unter anderem wegen mangelnden sprachlichen Fähigkeiten zurückgestellt, sollten die Eltern möglichst verbindlich dazu angehalten werden, während des Rückstellungsjahres entsprechende Fördermassnahmen zu treffen.

Sind die Deutschkenntnisse auch nach dem zweiten Kindergartenjahr noch zu schwach, so ist das Kind in der ersten Klasse nicht in der Lage, einem regulären Unterricht zu folgen. Insofern macht der Besuch des regulären Unterrichts wenig Sinn, denn das Kind verpasst den Schulstoff und lernt dabei trotzdem kaum Deutsch. Daher sollte geprüft werden, ob andere Massnahmen, welche den Kindern die nötige Zeit und den Raum geben, die Deutschlücken aufzuholen, ohne dabei den regulären Unterricht zu verpassen, den Bedürfnissen aller nicht besser gerecht würden. So könnte beispielsweise die Wiedereinführung von Einschulungsklassen oder die Möglichkeit, das erste Schuljahr in 2 Jahren zu absolvieren, eine Option sein.

Der heute angebotene DaZ-Aufbau-Unterricht wird zur gezielten Deutschförderung innerhalb der Regelklasse eingesetzt. Für Kinder, welche kaum oder kein Deutsch sprechen, reichen jedoch wenige Lektionen pro Woche nicht aus. Zu prüfen wäre hier, ob für solche der – analog für diejenigen, welche frisch aus dem Ausland zugezogen sind – ein intensiv DaZ-Anfangsunterricht ausserhalb der Regelklasse möglich und sinnvoll wäre oder zumindest die Anzahl DaZ Stunden im Aufbauunterricht erhöht werden könnten. Zudem ist zu prüfen, inwiefern die Lehrpersonen durch Schulsozialarbeitende, Klassenassistenzen und/oder auch Seniorenassistenzen (z.B. Projekt: Generationen im Klassenzimmer) noch besser von Integrationsaufgaben entlastet werden können. Denn auch die Schülerinnen und Schüler ohne besonderen Förderbedarf haben Anspruch auf einen guten Unterricht, der ihren Fähigkeiten Rechnung trägt.