David Siems: Ich möchte ein paar Worte verlieren zum Thema Markt. Wir haben es am Anfang gehört: Es gibt beim mässig störenden Gewerbe – das sind nicht in erster Linie Nagelstudios, sondern Handwerksbetriebe – ist es tatsächlich so, dass es einen Mangel an geeigneten Gewerbeflächen gibt, wo mässig störendes Gewerbe zulässig ist. Trotzdem ist es aber so, dass von Eigentümerseite nicht wirklich ein Interesse daran besteht, das anzubieten. Zum Teil haben wir offenbar sogar Leerstände. Woran liegt das?

Ich würde sagen, da spielt der Markt. Wenn ich etwas zu einem zu hohen Preis anbiete, der nicht mehr wirtschaftlich ist für den Käufer, dann nimmt er das auch nicht in Anspruch. Dann bleiben die Eigentümer mit ihren zu hohen Renditevorstellungen oder vielleicht auch dem falschen Angebot, falsche Raumgrösse etc., bleiben auf ihrem Angebot sitzen.

Bei Wohnraum hat man dieses Problem nicht – warum? Weil Wohnungen kein marktfähiges Gut sind. Es ist nicht optional zu wohnen. Ich muss irgendwo wohnen, sonst bin ich obdachlos und dann habe ich eine ganze Reihe von Problemen. Das heisst: Auch wenn eine Wohnung technisch gesehen zu teuer ist… wenn ich die irgendwie bezahlen kann, dann bezahle ich halt diese Miete, die für mich zu hoch ist – selbst wenn ich dann am Ende des Monats zu wenig Geld habe.

Aber ein Unternehmer macht das nicht. Niemand lässt sich seine Pensionskasse auszahlen um ein Geschäft zu eröffnen, nur damit er nachher wie blöd Miete bezahlen kann. Das ist der Unterschied. Und darum bleiben Eigentümer teilweise auf ihren Gewerbeflächen sitzen, darum haben sie kein Interesse daran, Gewerbeflächen anzubieten, weil man nicht so viel Geld damit verdienen kann. Das ist der ganze Grund. Und deshalb macht es Sinn einen – die SVP nennt es „Gewerbezwang“ – einzuführen und mindestens 20% Gewerbeanteil zu verlangen. Sonst baut einfach niemand mehr freiwillig Gewerbe und dann haben wir ein Problem. Denn eine Stadt braucht Handwerker. Nagelstudios vielleicht nicht, Barbershops vielleicht auch nicht, aber Handwerker die unsere Stadt am Laufen halten? Definitiv! Danke schön!

Ursula Brack: Ich will noch zwei neue Punkte anfügen hier in dieser Diskussion. Und zwar haben wir in Dübendorf ein Defizit an Alterswohnungen. Wir wissen nicht so genau, wo wir hinsollen, wenn wir nicht mehr zu Hause selbständig wohnen können. Direkt ins Altersheim zu gehen ist für die meisten keine attraktive Option. Da ist man froh, wenn man in einem Quartier lebt, wo es ein bisschen Gewerbe gibt. Meine Mutter konnte in fünf Minuten ins Zentrum laufen. Dort gab es einen Coop, ein kleines Restaurant, ihren Hausarzt und ihre Podologie. So konnte sie noch einige Jahre länger zu Hause wohnen, bis sie dann doch ins Altersheim ziehen musste. Ich finde, in Dübendorf fehlt das.

Das Zweite sind Räume für junge, vielleicht für kreative, neue Gewerbemöglichkeiten. Vielleicht auch für Mütter, die Teilzeit arbeiten wollen, sich vielleicht selbständig machen wollen. Meine Schwiegermutter hatte zu Hause einen Coiffeursalon und konnte so arbeiten und gleichzeitig die Kinder betreuen. Das würde mit so einem Gewerbeanteil ermöglicht werden. Danke vielmals!

David Siems: (nachdem von rechts der übliche Unsinn über arbeitsfaule Linke reproduziert wurde, die keine Ahnung von Handwerk hätten) Da ich mir heute zum wiederholten Male anhören musste von jemandem, der hauptberuflich die Geldwerte anderer Leute verwaltet und vermutlich selber keinen Nagel gerade in eine Wand schlagen kann…

Christian Meyer (Ratspräsident): Ich bitte, den Anstand zu wahren in der Diskussion.

David Siems: Danke, dass du mich daran erinnerst Christian, du hast natürlich recht. Mein Grossvater war Alfred Pfister. Er hatte eine mechanische Werkstätte in Dübendorf. Er hat zu Spitzenzeiten ein Dutzend Büezer bei sich angestellt. Lange bevor die Pensionskassen eingeführt wurden, hat er für jeden seiner Büezer eine Lebensversicherung abgeschlossen und sämtliche Beiträge aus eigener Tasche bezahlt. Er hat es nicht gesplittet, wie das heute bei den Pensionskassen läuft, er hat es vollständig gesponsert auf seine Rechnung. Irgendwann hat er den Betrieb an seinen ehemaligen Lehrling verkauft. Das war Rolf Scherzinger, der Onkel unseres Stadtpräsidenten.

Ich bin aufgewachsen mit dem Geruch von Altöl in der Nase und dem Surren des Drehbankes von Rolf Scherzinger unter unserem Haus. Heute gibt es diese Werkstatt nicht mehr. Herr Scherzinger ist leider gestorben, mein Grossvater ebenfalls. Heute sind ein Gipser und ein Flächenmaler bei uns eingemietet. Wenn wir heute neu solche Gewerbeflächen anbieten wollen würden, wäre das gar nicht mehr zulässig. Das ist eine reine Wohnzone. Wir haben also das umgekehrte Problem: Wir können das nur dank dem Bestandesrecht so weiterführen. Das wäre sonst viel zu laut.

Der Unterschied ist: Wir setzen halt nicht auf Profitmaximierung. Wir geben denen einen günstigen Mietzins, weil wir uns durch die Geschichte unserer Familie den Handwerkern verbunden fühlen. Ich muss schon sagen, ich staune nicht schlecht darüber, wenn Parteien, die sich angeblich so für das Gewerbe einsetzen, sich dermassen handwerkerfeindlich positionieren. Es fehlt an geeignetem Raum, Raum der auch etwas laut sein darf. Raum, der nicht zu teuer ist und auch nicht immer riesig sein muss. Es gibt auch kleine Betriebe, die kleine Räume brauchen. Und ja: Diese Leute sind wichtig! Sie machen etwas für Dübendorf, für uns. Das möchte ich einfach klarstellen. Ich habe Öl im Blut. Selber bin gesundheitlich nicht in der Lage, beruflich etwas in diese Richtung zu machen. Aber mir bedeutet das etwas. Danke schön.

David Siems und Ursula Brack, Gemeinderatsmitglieder Grüne